Dieter Fricke

art-lightpainting - Das sichtbare Unsichtbare

Porträt


Mein Selbstportrait lässt sich mit zwei Titeln überschreiben: „Befreiung aus der Isolation“, bzw. „Die Mauern des Schweigens durchbrechen“.
Auf diesem Wege möchte ich mich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, vorstellen. Mein Name ist Dieter Fricke, ich wurde am 03.11.1943 in Borken bei Kassel geboren. Im Alter von neun Monaten erkrankte ich an Meningitis (Hirnhautentzündung), wodurch meine Hörnerven zerstört wurden, seitdem bin ich gehörlos. Mit sieben Jahren wurde ich in die Gehörlosenschule in Homberg, Bezirk Kassel, eingeschult. Das neunte Schuljahr absolvierte ich freiwillig an der Gehörlosenschule in Friedberg, da meine Familie nach Frankfurt umgezogen war. Von 1960 - 1963 erlernte ich im Druckgusswerk Rhein-Main in Frankfurt/M. den Beruf des Technischen Zeichners. Den Beruf habe ich bis 1998 ausgeübt, allerdings wechselte ich aus verschiedenen Gründen mehrmals die Arbeitsstelle; zuletzt und auch am längsten war ich bei der Fa. Höchst AG beschäftigt.
Im Vorschulalter beschränkten sich Unterhaltungen mit mir in der Familie nur auf Handzeichen/Gebärden, die lebensnotwendige Handlungen wie z.B. „essen“ oder „schlafen“ umschreiben. Meine Mutter sprach viel zu schnell, mein Vater versuchte Worte durch Bewegungen zu ergänzen. Innerhalb der Familie kam es manchmal vor, dass ich aggressiv wurde, wenn ich mich unverstanden fühlte. Ich glaubte als Kind, meine Mutter würde meine um fünf Jahre jüngeren Zwillingsgeschwister (Bruder und Schwester) bevorzugen. Insgesamt war es für mich zuhause lange Zeit ein trauriges Leben. Ich fühlte mich wie eingesperrt, weil ich spürte, dass ich anders war als hörende Kinder. Ich suchte Kontakte zu hörenden Kindern. wenn ich aber merkte, dass sich diese von mir zurückzogen, weil ich anders war, passierte es oft, dass ich aggressiv reagierte.
In der Schule verstand ich sehr schnell, dass ich mich unter Kindern befand, die genau wie ich gehörlos waren. Ich kam also in eine Gemeinschaft von Menschen, die sich nicht allzu sehr von mir unterschieden. Hier war ich nicht auffallend anders als die übrigen Kinder. Hier brauchte ich mich nicht aggressiv zu verteidigen; ich spürte, hier wurde ich verstanden. Das Sprechen nur in Gebärdensprache war in der Schule verboten, aber als Unterstützung zur Lautsprache durften wir gebärden. Schon als Schüler war ich immer bestrebt möglichst viel zu lernen und die Dinge zu hinterfragen. Ohne damit angeben zu wollen, kann ich von mir sagen, dass ich immer Klassenbester war. Oft gab es Situationen, in denen ich den Lehrern half mittels der Gebärdensprache meinen Mitschülern den Wissensstoff zu vermitteln.
Während meiner Lehrzeit besuchte ich eine Berufsschule für Hörende. In dieser Schule konnte ich mich nicht mehr in der Gebärdensprache unterhalten. Ich war auf mich alleine gestellt. Ich musste konzentriert dem Unterricht folgen, das bedeutete harte Arbeit für mich. Glücklicherweise fand ich einen intelligenten, hilfsbereiten Mitschüler, der mich beim Lernen sehr viel unterstützte, so dass ich die Berufsschulzeit erfolgreich beenden konnte.
An meinen verschiedenen Arbeitsstellen war ich wiederum überwiegend mit hörenden Kollegen zusammen. Da ich es gelernt habe, und auch immer bestrebt bin auf meine Mitmenschen zuzugehen, fühlte ich mich von meinen Kollegen stets anerkannt und in die Arbeitsgruppe integriert.
Im Juni 1968 heiratete ich Margit Schneider aus Flörsheim/Main. Meine Frau ist auch gehörlos. Sie besuchte mit ihrem ebenfalls gehörlosen, jüngeren Bruder die Schule für Hörgeschädigte in Bad Camberg. Unsere Ehe blieb leider kinderlos. Wir wohnen in einem hübschen Einfamilienhaus im Flörsheimer Stadtteil Wicker. Manchmal hadere ich mit meinem Schicksal gehörlos zu sein und auf so vieles im zwischenmenschlichen Leben verzichten zu müssen. Aber Dank der Liebe meiner lebensbejahenden, optimistischen, frohen Mut ausstrahlenden Frau fand ich einen Weg mich aus der Isolation der Behinderung zu befreien. Meine Frau unterstützt mich maßgeblich in meinem Bestreben mich künstlerisch zu betätigen.
Erste Malversuche unternahm ich im Jahr 1965. Da ich wegen meiner Behinderung kein Hochschulstudium absolvieren konnte (Gymnasien für Gehörlose gab es zu meiner Schulzeit noch nicht in der Bundesrepublik Deutschland), bildete ich mich selbst fort durch die Teilnahme an Malkursen in der Volkshochschule und durch das Absolvieren eines Fernstudiums an der Famous Artists School International (1966-1972).
In den folgenden Jahren malte ich in erster Linie realistische Bilder. Landschaften und Stilleben waren meine Lieblingsmotive. Doch irgendwann wurde es mir zu langweilig, die Herausforderung fehlte. Bei der Arbeit am letzten Bild dieser Art, einem überdimensionalen Stilleben, war ich dem Nervenzusammenbruch nahe. Ich fühlte mich wie zu Boden geschmettert und wollte schon meine Farben und Pinsel vernichten. Danach war ich gezwungen von 1978 bis 1983 meine künstlerische Arbeit einzustellen.
Nach der fünfjährigen Pause, in der Zwischenzeit entstand unser Haus in Wicker, machte ich einen neuen Anfang. Die meisten Arbeiten waren nun abstrakt. Meine kreativen Ideen waren teils bewusst, teils spontan. Ich entwickelte allmählich meine typische Technik in der Herstellung von Kunstobjekten, , nämlich die Arbeit mit sauberem Abfallkunststoff, Gussstahl und Kunststoffspänen. Ich bearbeite die Objekte mit Acrylfarben, Ölfarben und Metallic- Filzstiften. Nach dem Trocknen trage ich auch Blattgold, Silber, Messing oder Kupfer auf. Diese Arbeitsweise wende ich an bei Wand- und Standobjekten.
Eine andere Technik ist das Verformen von Gusseisen, das ich dann mit Gazestreifen umwickele, wodurch bewegliche Figuren entstehen. 1985 entdeckte ich in einer Zeit der Selbstfindung die kleineren Bildformate, die ich mit lichtkopierenden Klebestreifen versehe und anschließend mit Acrylfarbe besprühe, oder ich verwende Acryl- oder Ölpastellfarben. Ich lasse scheinbar wahllos Linien auf dem Papier entstehen, die sich erst nach und nach zu einem Motiv zusammen finden. Detailkorrekturen verbieten sich bei dieser „rasanten“ Maltechnik; stattdessen stelle ich von jedem Motiv stets mehrere Versionen her, bei denen ich immer neue Kompositionen erprobe. In der schöpferischen Arbeit fand ich einen Ausgleich zum alltäglichen Leben, dem durch meine Behinderung einige Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Diese Grenzen, die behinderungsbedingte Isolation, das Leben wie unter einer gläsernen Glocke, wurde mir immer wieder schmerzlich bewusst. Aber durch meine schöpferische Arbeit gelang es mir meine innere Freiheit zu erkennen. Mein sehnlichster Wunsch, mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren, vollzieht sich jetzt für mich über die von mir kreierten Medien, meine Gemälde, Plastiken, Drucke, Radierungen, Keramiken, Holzskulpturen, Fotografien und Videokunst. Ich fordere meine Mitmenschen zur visuellen Kommunikation mit mir auf. Ich habe durch die künstlerische Gestaltung meinen Weg gefunden die „Glocke der Isolation“ von meinem Leben abzunehmen; ich habe erkannt, dass tief in meinem Inneren die Quelle meines Seins, meine Arbeit als Künstler, sprudelt und über meine Werke nach außen dringt. Einer meiner Bekannten, der sich mit Kommunikation und Medien befasst, Herr Günther Zimmermann, sagte anlässlich meiner Ausstellungseröffnung in Rüsselsheim (1988): „Worte sind mächtig – ohne Worte sein, heißt ohnmächtig sein, hilflos, ausgeliefert…“ Lässt sich der Unterschied zwischen normalsinnigen und gehörlosen (– demzufolge auch lautsprachbehinderten) Menschen treffender beschreiben? Ich glaube kaum; ich fühle mich manchmal ohnmächtig in der Welt der Hörenden. Aber meine künstlerische Arbeit gibt mir viel Freiheit, Selbstbewusstsein und Freude. Ich bin fasziniert von der ursprünglichen Kraft der zufälligen und unentdeckten Formen. Leben und Arbeiten bilden jetzt für mich eine Einheit. Aber wir Menschen leben bekanntlich nicht alleine. Wir brauchen und suchen eine Gemeinschaft, die Kommunikation miteinander. Gerade durch meine Behinderung ist mir bewusst geworden, dass nur durch die echte Liebe und durch Toleranz wirkliche Kommunikation unter den verschiedenen Menschen stattfinden kann, seien sie gehörlos wie meine Frau und ich, seien sie in anderer Form behindert oder normalsinnig. Nur wer ehrlich und tolerant, also liebevoll ist, ist zur friedvollen, fruchtbaren Kommunikation mit anderen fähig.
Nachdem ich mich sozusagen selbst gefunden habe, interessiere ich mich für die Probleme anderer, insbesondere meiner gehörlosen Mitmenschen. Bei vielen beobachte ich das eingeengte, isolierte Leben „unter der Glocke“, die Ohnmacht der fehlenden Worte, die Resignation der gehörlosen Menschen, ihre Angst mit hörenden Menschen in Kontakt zu treten und das lähmende Misstrauen, das sie den Hörenden entgegensetzen. Ich sehe eine meiner Aufgaben darin ein Vermittler zu sein zwischen der Welt der Hörenden und der Welt der Gehörlosen. In meinen Kunstwerken ist es mir gelungen mich selbst zu verwirklichen und zu befreien; über meine Werke kann ich mit meinen Mitmenschen kommunizieren, sowohl mit den Hörenden als auch mit den Hörgeschädigten; durch meine Werke möchte ich meinen Schicksalsgenossen ein Beispiel dafür geben, dass eine Behinderung wie unsere nicht zwangsläufig zur Isolation führen muss, sofern wir unseren Mitmenschen mit Achtung und Vertrauen begegnen. Den hörenden Mitmenschen soll mein Beispiel zeigen, dass gehörlose und hörgeschädigte Menschen auch ohne viele Worte vieles mitteilen können, vorausgesetzt, dass man unsere Art zu kommunizieren, nämlich mittels der Gebärdensprache, nur verstehen will und sie uns in jeder Lebenslage zugesteht. Außerdem will ich meine hörenden Mitmenschen auffordern sich mit der Problematik der unsichtbaren Behinderung von uns Gehörlosen auseinander zu setzen und Verständnis für uns zu entwickeln. In meinen Werken aus den achtziger Jahren habe ich die Probleme der Gehörlosigkeit bildnerisch aufgearbeitet und dargestellt, einige davon beschäftigen sich mit dem Stellenwert der Gebärdensprache und dem Fingeralphabet, den wichtigsten Kommunikationsmöglichkeiten der Gehörlosen und hochgradig Schwerhörigen. Diesen Bildern folgten der 90er Jahre die Serie von Bildern, die ich “Sprechende Hände” genannt habe.
Seit Mitte der 90er Jahre nenne ich meine Gemälde “Gebärdensprache-Abstraktionen”
Kunst-Werke unter Internet hier. Die dazugehörigen Zitate sind für mich Hilfsmittel, meine eigenen Gedanken auszudrücken zum Sinn des menschlichen Lebens, zum Verständnis von Beziehnungen der Menschen untereinander oder zum Verständnis von Sachverhalten.
Mit dunklen Farben male ich alles, was mit Trauer, Schmerz und Angst zu tun hat, mit unauffälligen Farben stelle ich alltägliches Geschehen dar. Helle, klare Farben stehen für Freude, Klarheit, Lebenskraft und Schwarz auf Weiß bedeutet Wahrheit.

Dieter Fricke